In Darmstadt liegen zwischen Apotheke und Weltraum drei Kilometer
Die fünf Dachbögen des Hochzeitsturms von 1908, in Darmstadt Fünffingerturm genannt.

In Darmstadt liegen zwischen Apotheke und Weltraum drei Kilometer

Darmstadt gilt als Stadt für Technikstudenten. Grau, funktional, wenig dazwischen. Dieser Ruf hält genau so lange, bis du einmal quer durch die Stadt gelaufen bist. Der Weg dauert einen Nachmittag und führt an einer Apotheke von 1668 vorbei, an einem Welterbe und an dem Gebäude, aus dem europäische Raumsonden ihre Befehle bekommen.

Vom Luisenplatz zur ersten Elektrotechnik der Welt

Der Luisenplatz ist der Punkt, an dem in Darmstadt fast jede Straßenbahn hält. In der Mitte steht das Ludwigsmonument, 39 Meter hoch, eingeweiht 1844, im Volksmund Langer Lui. Von hier sind es zehn Minuten zu Fuß bis zum Innenstadtcampus der TU.

Quelle: Wikipedia

Die Hochschule wurde 1877 gegründet und stand vier Jahre später vor der Schließung, weil zu wenige Studenten kamen. Gerettet hat sie eine Entscheidung, die damals riskant wirkte: 1882 richtete Darmstadt den weltweit ersten Lehrstuhl für Elektrotechnik ein. Das Fach gab es vorher an keiner Hochschule. Ein Jahr später folgte der erste Studiengang dazu.

Der Ruf hielt sich. Als Albert Einstein 1919 von seinem Neffen nach einem Studienort gefragt wurde, antwortete er: "Meiner Meinung nach müsstet Ihr unbedingt nach Darmstadt gehen. Dort ist ein gutes Polytechnikum."

Bergauf ins Jugendstilviertel

Vom Campus führt der Weg durch den Herrngarten nach Osten und dann bergauf. Oben liegt die Mathildenhöhe. 1899 holte Großherzog Ernst Ludwig eine Gruppe junger Künstler und Architekten hierher und ließ sie ein ganzes Viertel bauen, Häuser, Ateliers, Ausstellungshallen. Seit 2021 ist die Anlage UNESCO-Welterbe.

Das auffälligste Gebäude ist der Hochzeitsturm von Joseph Maria Olbrich, 1908 fertiggestellt, 48,5 Meter hoch. Sein Dach endet in fünf Bögen, die aussehen wie eine ausgestreckte Hand. In Darmstadt heißt er deshalb meistens Fünffingerturm.

Wer danach noch Luft hat, läuft weiter ins Bürgerparkviertel zur Waldspirale. Das Wohnhaus wurde im Jahr 2000 nach einem Entwurf von Friedensreich Hundertwasser fertig, hat ein begrüntes Schrägdach und über tausend Fenster, von denen keines dem anderen gleicht. Es ist kein Museum. Dort wohnen Leute, 105 Wohnungen, ganz normal zur Miete.

Quelle: Wikipedia

Die Stadt, die nebenbei arbeitet

Zurück Richtung Zentrum wird es unauffälliger, und genau dort steckt der interessantere Teil. 1668 kaufte der Apotheker Friedrich Jacob Merck in Darmstadt die spätere Engel-Apotheke. Aus diesem einen Laden wurde das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt, das bis heute seinen Hauptsitz in der Stadt hat.

Ein Stück weiter westlich, in der Nähe des Hauptbahnhofs, steht ein Bau, dem seine Aufgabe von außen nicht anzusehen ist. Am 8. September 1967 wurde dort das European Space Operations Centre eröffnet, das Kontrollzentrum der europäischen Raumfahrtbehörde ESA. Rund 800 Menschen arbeiten hier. Während du in der Vorlesung sitzt, empfängt eine Sonde in einigen hundert Millionen Kilometern Entfernung ihre Kommandos aus einem Gebäude, das du mit dem Fahrrad in einer Viertelstunde erreichst. Führungen kann jeder buchen.

Was der Rundgang nicht zeigt

Zwei Dinge fallen beim Laufen auf, und beide gehören dazu. Das erste ist die Architektur. In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 wurden rund 80 Prozent der Innenstadt zerstört. Vieles, woran du vorbeigehst, ist Nachkriegsbau. Darmstadt ist keine Postkartenaltstadt und wird auch keine mehr.

Das zweite ist der Anteil der Studierenden. An der TU und der Hochschule Darmstadt sind zusammen über 40.000 Menschen eingeschrieben, bei rund 167.000 Einwohnern. Das prägt die Stadt spürbar. In der vorlesungsfreien Zeit wird es leer, und auf Partys landet das Gespräch schnell wieder beim Studium. Wer die Anonymität einer Großstadt sucht, ist hier falsch. Frankfurt liegt allerdings knapp 20 Minuten mit dem Zug entfernt, das relativiert einiges.

Uns fällt seit Jahren dasselbe auf: Von unseren Mitgliedern bleiben auffällig viele nach dem Examen hier. Wir sind eine katholische Studentenverbindung, nichtschlagend, bei uns wird also nicht gefochten. Unser Haus steht in der Osannstraße, und ein Teil derer, die dort einmal gewohnt haben, wohnt bis heute in Darmstadt.

Lauf die Strecke einmal selbst ab, am besten allein und ohne festen Plan.

Wenn du danach jemanden suchst, der dir die zweite Hälfte der Stadt zeigt: Unser Semesterprogramm ist offen für Gäste, und die Tür geht auch ohne Anmeldung auf.