Drei Generationen an einem Tisch

Drei Generationen an einem Tisch

Im Tennisverein spielst Du in der U30 gegen Leute, die alle zwischen 25 und 30 sind. Beim 127. Stiftungsfest der Nibelungia saßen rund 50 Menschen zusammen, zwischen denen mehr als ein halbes Leben liegt. Das ist kein Zufall, sondern der Punkt.

Im Tennisverein spielst Du in der U25 gegen Leute, die zwischen 20 und 25 sind und sich für Tennis interessieren. Das ist angenehm, und es funktioniert. Nur sprichst Du dort ein ganzes Jahr lang mit niemandem, der zwei Generationen älter ist als Du.

Bei unserem Stiftungsfest, dem Sommerfest zum Jahrestag unserer Gründung, ist genau das der Normalfall. Vom 19. bis 21. Juni diesen Jahres kamen rund 50 Menschen dafür auf das Nibelungenhaus, unser Verbindungshaus in Darmstadt: Studenten, Alte Herren (Mitglieder, die mit dem Studium fertig sind), Damen und Gäste befreundeter Verbindungen. Es war das 127. Stiftungsfest seit der Gründung 1899 in Brünn.

Was geschah?

Der Freitag begann mit einem Begrüßungsabend, der Samstag gehörte tagsüber den Versammlungen. Ab 19 Uhr wurde es festlich: zuerst Fingerfood im Stehen, dann der Kommers, ein feierlicher Abend mit festem Ablauf und viel Gesang.

Die Festrede hielt der Philistersenior, der Vorsitzende unserer Alten Herren.

Entlang des Semesterthemas "Nibelungia goes Art" spannte die Festrede den Bogen über die Grundregeln der Architektur seit den Zeiten des alten Griechenlands bis heute. Dabei gab es konkreten Bezug, wie uns Architektur im Alltag begegnet und beeinflusst. Die Rede endete mit einem Denk-Impuls zum aktuellen Geschehen: es werden ca 1.4 Mio Wohnungen benötigt - es stehen ca 2 Mio Wohnungen frei.

Ist es ratsam, Zeit, Energie, Geld und Ressourcen in Neubauten zu stecken, oder sollten wir unsere Ressourcen primär dafür einsetzten, die 2 Mio nutzbar(er) zu machen?

Stichwort Internet- Anbindung, Handyloch, ÖPNV Verbindungen, Infrastruktur, ... .

Der Festredner ist Architekt (TU Da), seit 30 Jahren bei bekannten Immobilien/Baukonzernen in den Bereichen Bauen, Planung und Projektentwicklung tätig.

Danach wurde gesungen, aus einem Liederbuch, das alle am Tisch benutzen.

Der Sonntag begann um 10 Uhr mit dem Gottesdienst in St. Ludwig, der runden Kirche am Wilhelminenplatz. Anschließend Familientag auf dem Haus.

Was daran nicht selbstverständlich ist

Die interessanteste halbe Stunde des Wochenendes war die vor dem Kommers, als alle mit einem Teller in der Hand herumstanden. An solchen Abenden redest Du mit Leuten, die zwei Generationen vor Dir studiert haben, und mit denen, die eine nach Dir kommen. Nicht über das Alter, sondern über Prüfungen, Arbeitgeber, Wohnungssuche, Darmstadt.

Genau diese Mischung schafft sonst kaum eine andere Organisation. Vereine sortieren nach Altersklasse, Studiengänge nach Semester, Arbeitgeber nach Hierarchie.

Ein Stiftungsfest sortiert nicht. Es setzt einen Erstsemester an denselben Tisch wie jemanden, der hier vor Jahrzehnten angefangen hat, und lässt sie einen Abend lang dieselben Lieder singen.

Deshalb machen wir das jedes Jahr. Nicht weil Tradition an sich ein Wert wäre, sondern weil ein festes Datum und ein fester Ablauf der einzige verlässliche Weg sind, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst nie begegnen würden.

Das nächste Gründungsfest ist im November. Bis dahin läuft das Semesterprogramm weiter, und die meisten Termine sind offen für Gäste.

Wenn Du wissen willst, wie sich so ein Abend anhört, komm zu einem davon dazu.